Dierk Knechtel   Schrift. Skulptur.
 

Originalstoff

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Sie finden hier literarische Texte und SkulpturenVerweilen Sie ein wenig, es würde mich freuen. Geben Sie mir Ihr Feedback.

Unter Segel


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20. September 2017, 09:14

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 8

Das Schiff sicher vertäut und zufrieden über das ansehnliche Manöver gingen wir auf die Terrasse des Inselwirts zu. Vor uns am Steg lag ein schwimmendes Vehikel, das man kaum Boot nennen konnte. Es hatte die Form einer riesigen Zigarre, deren Enden nicht abgeschnitten waren. Im mittleren Drittel war eine Ausnehmung, die den Rumpf in Vorder- und Achterkabine teilte. Das war das Cockpit. Darin war eine Sitzvorrichtung mit Gurten; allerlei Laschen und anderes Zeug verteilte sich drumherum. Die Antriebsart war Rudern. Zwei Riemen lagen in ihren Dollen außen am Rumpf verzurrt. Das Gefährt war verwittert und ramponiert, als hätte es soeben eine Atlantiküberquerung hinter sich. Es gehörte einem Mann, der nicht richtig gehen und sprechen konnte. Aber seine Arme arbeiteten vorzüglich, daher das Rudern. Sie hievten ihn an Land, zogen einen Rollstuhl hinterher, klappten ihn auf, und stemmten den Mann hinein. Damit fuhr er den Steg auf und ab und unterhielt sich mit schwerer Zunge lallend mit Passanten. Auch bot er sich einlaufenden Booten an, die Leinen wahrzunehmen, und belegte sie geschickt mit einer Hand am Poller. Von der Terrasse, wo wir gleich einen Tisch gefunden hatten, betrachteten wir den Mann mit dem scheuen Interesse und dem Mitleid derer, die im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte sind. Wie wichtig sind Standfestigkeit und Balance in der Segelei! Uns war das gegeben und wir konnten uns glücklich schätzen dafür, er aber demonstrierte, dass es auch ohne ging, wenn man den Willen dazu besaß und die Zuversicht. Sein Fahrzeug, seine Hilfsmittel, seine komplette Umgebung waren auf sein Handicap zugeschnitten. Er hatte ein workaround geschaffen, wie Moni es ausdrückte. Ein Artefakt der Auflehnung gegen ein ungnädiges Schicksal.

Anmerkung: Ich habe zu diesem Abschnitt kein passendes Bild. Ich kann nichts weiter posten als schwarze Lettern auf weißem Grund. Sie regen den Leser an, sich eigene Bilder vorzustellen. Ein gepostetes Bild dagegen fordert seine Fantasie nicht heraus, eher blockiert es sie. Werden pure Texte ohne Bild im Internet wahrgenommen? Wie wäre es, Lesern Gelegenheit zu geben, ihre eigenen Bilder hinzuzuposten? Wäre es nicht interessant, zu erfahren, welche verschiedenen Bilder ein Text hervorruft?

Redakteur




19. September 2017, 07:58

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 7

Bei einfachen Situationen hatte ich den Festmacher vorher an Bord auf der Klampe belegt und das lose Ende mitgenommen. Es gab aber auch Holzpontons, besonders in Schleusen, die lagen auf Höhe der Wasserlinie und waren grün-glitschig. Oder man musste eine rostige Leiter in einer Spundwand hochklettern, oft mehrere Meter hoch. In solchen Fällen warfen mir meine Brüder die Leine von Bord zu. Dazu musste die Leine sauber aufgeschossen werden, damit sie sich im Wurf idealerweise abwickelte und mit etwas Reserve in meiner Hand landete. Je weniger Versuche man dafür brauchte, desto größer war die Genugtuung. Denn jedes Hafenmanöver war für die Galerie. Noch im kleinsten Fischerkaff gab es Gaffer, die Paviane, wie der Alte sie nannte. Er war nicht uneitel, was das anging. Gelungene Hafenmanöver wurden lobend bedacht, und später, als wir älter waren, gab es einen Extraschluck. Den nahmen wir im Cockpit, nachdem das Deck aufgeklart war, und genossen die anerkennenden Blicke der Paviane. – Ich fing die Leine und legte sie einmal, zweimal um den Poller oder Ring, was jeweils zur Verfügung stand. Dadurch war schon genug Reibung am Tampen, dass mir der Kahn nicht mehr abhauen konnte. Dann führte ich das Ende eng über die jetzt stramme Leine und unterseits durch die entstehende Bucht wieder zurück, zog fest und machte dasselbe ein zweites Mal. Das war der Rundtörn mit zwei halben Schlägen. Den konnte kein Ozeandampfer mehr loskriegen. Eher riss der Festmacher, als dass der Knoten sich löste.

Redakteur




18. September 2017, 09:23

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 6

Auf der Höhe von Gollenshausen kehrten wir um und nahmen Kurs auf die Fraueninsel, genauer gesagt auf den Inselwirt, denn Segeln macht hungrig. Das Schöne an der Binnensegelei ist, dass man zwischendurch irgendwo anlegen und einkehren kann. Der Wind wehte seitlich von vorn, aber schwach und sehr örtlich. Wo sich Wasser gelinde kräuselte, waren regelrechte Windnester, dazwischen war Flaute. Wir konnten gerade so auf Backbordbug anliegen, ohne zu kreuzen, und hangelten uns von Nest zu Nest. Vor dem Inselwirt nahmen wir die Segel weg und legten unter Motor an. Oscar sprang an Land und belegte die Vorleine, Moni nahm die Achterleine wahr. Nachdem wir festgemacht hatten, zeigte ich ihnen den Festmacherknoten par exellence, den Rundtörn mit zwei halben Schlägen. Ich dachte daran, wie lange es doch her war, dass unser Vater uns diesen Knoten beigebracht hatte. (Wenngleich die frühesten Erinnerungen umso näher heranrücken, je älter ich werde.) Ich weiß nicht mehr genau, wie jung ich damals war, vielleicht acht oder neun, jedenfalls jünger als Oscar heute. Ich hatte einen unbändigen Bewegungsdrang wie jeder normale Junge in dem Alter und freute mich auf jedes Anlegemanöver. Sprungbereit stand ich am Bug und rief Vadder den Abstand zum Steg nach achtern. Bei zwei Metern gab er rückwärts, die 17 Tonnen Sindbad schoben sich noch ein wenig vor, Vadder gab einen zweiten Stoß zurück, das Schiff stand und ich sprang.

Sindbad Ruderblatt.JPG

Redakteur




15. September 2017, 09:02

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 5

Unser Vater hatte einen Freund und Mitsegler, Carl Christian Heye, immer nur C.C. genannt. C.C. hatte einen eindrucksvollen Schädel, er sah aus wie eine Mischung aus Karl Malden, Curd Jürgens und W.C. Fields. Irgendetwas hatte in langer Vorzeit seine Nase demoliert, was genau, blieb im Dunkeln. Sie war knollig, hatte aber eine klare Richtung, nämlich, wenn ich mich recht erinnere, nach links. Vadder machte damals, Anfang der Fünfziger, mit seiner Teakyacht Sindbad ausgedehnte Wochenendtouren die Weser rauf und runter, und immer hatte er Freunde dabei, darunter wohl auch Frauen. Niemand an Bord war verheiratet, nicht untereinander und auch sonst nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls kam C.C. an einem sonnigen Sonntag auf die Idee, sich seine Nase von der Großbaumnock richten zu lassen. Die Nock ist das achterliche Ende des Baums und war beim Sindbad* mit Bronze beschlagen. Vadder musste zu diesem Zweck eine Halse fahren, und zwar von Backbord- auf Steuerbordbug. C.C. stellte sich dort, wo die Nock vorbeikommen musste, breitbeinig auf die Backskisten beidseits der Plicht und reckte seinen Zinken vor. Vadder rief die Halse aus und legte das Ruder um. Die Nock traf C.C. an der richtigen Stelle, insofern war Vadder kein Vorwurf zu machen. Nur hatte er die Geschwindigkeit nicht richtig justiert, denn C.C.s Nase, anstatt mittig ausgerichtet zu sein, hatte nun einen Schlag nach rechts.

  • Schiffsnamen können jedes Geschlecht haben, das Schiff selbst ist gewöhnlich weiblich. Wenn ein Kümo mit dem Namen Gerd vorbeikommt, sagt man: Guck mal, da ist wieder die Gerd. Vadder hat sowas an Bord nicht geduldet. Der Sindbad war männlich, Punkt.

Redakteur




14. September 2017, 08:27

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 4

Das Überkommen des Großbaums kann abgefangen werden, indem die Großschot in dem Maße eingeholt wird, wie der Baum kommt, sodass, wenn er mittschiffs liegt, die Schot stramm ist und der Baum, den sich jetzt der Wind holt, kontrolliert ausgefiert werden kann. Das schont zum einen Mast und Takelage, das sogenannte Rigg, das sonst durch den Aufprall auf die seitlichen Wanten in Mitleidenschaft gezogen wird. Außerdem hat es den Vorteil, dass die Großschot nicht lose übers Cockpit schleift und halb geleerte Trinkgläser oder, bei schönem Wetter, Nagellackentferner umschmeißt. Lose über Deck fegendes Tauwerk, das dann plötzlich unter Zug steht, hat schon Leute über Bord geschleudert. Es sind auch Fälle bekannt - aus den alten Tagen der Seefahrt, als es noch keine Nasszellen mit Abluft und fließend Warmwasser unter Deck gab - wo Männer ihre Gebissteile, die sie eben im Begriff waren, zu reinigen, an herumschlackernde Großschoten verloren haben. Abhängig von der Restdauer des Törns und davon, ob der betroffene Bordkamerad ein Ersatzgebiss mitführte, konnte sich eine derartige, ansonsten humorige Begebenheit zu einem schwerwiegenden Vorfall auswachsen. Für das Einholen und Ausfieren der Großschot bei Halsen ist, wie erwähnt, der Steuermann verantwortlich. Er ist befugt, ein Mannschaftsmitglied damit zu beauftragen, und er wird dies tun, wenn die Person ausreichend befähigt ist und er davon ausgehen kann, dass seinen Weisungen Folge geleistet wird. In allen anderen Fällen, und die sind an der Tagesordnung, wird er die Schot selber führen, in der einen Hand, während er mit der anderen das Ruder hält. So mag er für Sicherheit und Komfort im Cockpit gesorgt haben, aber für die Dauer des Manövers fährt er Schlangenlinien, und das wiederum bringt ihm bissige Kommentare der Crew ein. Viele Belege sprechen dafür, dass Steuerleute prinzipiell nichts richtig machen können. Dies ist einer davon.

Redakteur




13. September 2017, 10:07

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 3

Wir machten unabsichtlich eine Halse. Das ist ein Richtungswechsel bei achterlichen Winden, wenn der Großbaum ganz ausgefiert ist. Entweder ändert sich der Kurs oder die Windrichtung so weit, dass der Wind die Backseite des Segels zu fassen kriegt und es auf die andere Seite drückt. Dabei wandert der Großbaum über das Cockpit, wo sich die Besatzung aufhält. Je nach Windstärke und Größe des Segels hat die Bewegung mehr oder minder Gewalt. Man sagt, bei Starkwind schlägt der Baum, bei Sturm knallt er rüber. Der Steuermann muss eine Halse ankündigen, wenn sie gewollt ist. Eine ungewollte Halse, also dann, wenn nur die Windrichtung wechselt, der Kurs aber gleichbleibt, muss er kommen sehen und die Mannschaft warnen, damit die die Köpfe einziehen kann. Unaufmerksame oder durch Genußmittel in ihrer Wahrnehmung beeinträchtigte Mannschaftsmitglieder sind anzubrüllen. Theoretisch kann der Steuermann nichts dafür, wenn der Wind anders kommt. In der Praxis wird ihm das angelastet, wie überhaupt alles, was während seiner Wache nicht genehm ist. Schlingerkurs, Verschenken von Höhe, überkommende Luvseen bei Am-Wind-Kurs, einsteigende Achterseen bei Vorm-Wind-Kurs, schlechte Fischgründe, das Bunkern falscher Biersorten, generell Arbeit an Deck – geht alles auf die Kappe des Steuermanns. Das ist ein bisschen so wie in der Wirtschaft, nur dass der Steuermann keine Abfindung kassiert, dafür jede Menge Hohngelächter.

Redakteur




12. September 2017, 18:39

Unter Segel auf dem bayrischen Meer - Teil 2

Der Wind schob uns mit gerade einmal zwei Knoten vor sich her. Die Schoten hatten wir ganz ausgefiert. Backbord stand das Großsegel, steuerbord die kleine Fock, die immer wieder einfiel. Das Vorsegel ist bei Charterbooten meistens klein, weil es handlicher ist als ein großes und bei stärkeren Winden nicht so viel Druck entwickelt. Eigner von Privatbooten können in der Regel gut segeln und fahren gerade bei flauem Wetter eine große Genua. Sie zogen an uns vorbei. Oscar, 12, der das erste Mal segelte, regte sich darüber auf. Er wollte wissen, was wir dagegen tun könnten. Ich sagte, dass wir mit ungleichen Mitteln kämpften und es so ertragen müssten und erklärte ihm, warum das so ist. Ich wies ihn auf diejenigen Boote hin, die gleichauf blieben oder zurückfielen. Die hatte er nicht wahrgenommen. Das sind die anderen Charterboote, sagte ich. Er zuckte nur mit den Schultern. Die waren keine Herausforderung.

Redakteur




11. September 2017, 13:24

Unter Segel auf dem bayrischen Meer

Wir hatten in Gstadt ein etwas über 7 m langes Kajütboot gemietet. Sonnabend war strahlendes Spätsommerwetter mit schwachen Winden, aber ausreichend, um grundlegende Segelmanöver zu üben. Mittags, als noch Wind war, fuhren wir das Westufer hinauf, vorbei an gepflegten Ufergrundstücken mit eigenem Steg und Bootshaus. Eines hatte sogar einen kleinen Hafen. Zwei Molen ragten in den See. Die Molenköpfe waren zangenartig verbreitert, um die Einfahrt zu verengen. Den nördlichen Molenkopf überschattete eine solitäre Kiefer, auf dem südlichen stand ein weißer Flaggenmast mit roter Standarte. Das Hafenbecken hätte gut und gerne zehn Yachten aufnehmen können, dennoch gab es nur einen einzelnen Anleger, an diesem lag das Schiff des Hauses vertäut. Weiter hinten war der Bootsschuppen, flach, hölzern und geräumig. Das Haus, ein zum See hin offener, u-förmiger Bau, lag mehrere Meter über dem Uferstrich. Von der Terrasse führte eine Steintreppe den Hang hinunter zum Hafenbecken. Hang und Molen bedeckte ein Rasenteppich. Niemand war zu sehen. Die einzige Bewegung war das schwache Wehen der Flagge. Umrahmt von dichtem Wald, wirkte die Anlage still und geschützt. Vom See aus gesehen, auf dem alles in Bewegung ist, erscheint das Ufer stumm und träge. Gemächlich verschieben sich Landmarken wie der Flaggenmast vor dem Hochufer im Hintergrund. Der Betrachter, der in einigem Abstand vorübergleitet, hat das Gefühl, wie ein Vagabund zu stören. Widerwillig wird ihm privater Einblick gewährt. Es ist nicht zu verhindern, denn die Gesellschaft zu Lande will freie Sicht auf den See. Auch wenn es nicht so scheint, die Bewohner sind anwesend, so stellt er sich vor. Seinem Blick entzogen sitzen sie mit dem Fernglas hinter den großen, schwarzen Panoramascheiben und beobachten ihn.

Redakteur




22. August 2017, 12:24

Wilde Schönheit ans Licht bringen

Holz ist für die Bildhauerei ein ebenso faszinierendes wie schwierig zu handhabendes Material. Sein unerschöpfliches Potential an Zeichnung und Farbigkeit gibt es jedoch nur preis, wenn es „geöffnet“ wird. Ein entrindeter, ansonsten unversehrter Stamm ist vollkommen reizlos. Erst, wenn er aufgeschnitten wird, kommt das Holzbild zum Vorschein. Während die zimmermannsmäßige Verarbeitung nur wenige Schnittrichtungen kennt, geht der Bildhauer mit dem Werkzeug in allen möglichen Winkeln und Verläufen hinein. Die meisten dieser Arbeitsschritte sind, selbst bei Einsatz modernster CNC-Technik, stationär-maschinell noch nicht machbar, deshalb ist die Carvingsäge einstweilen das Werkzeug der Wahl für den Grobbehau. Die Zähne der Kettensäge reißen die Holzfasern auf. Wenn man die Bearbeitung an dieser Stelle abschließt, wie das viele Bildhauer oder Carver tun, hat man eine Skulptur mit einer mehr oder weniger derben, rauhen und stumpfen Anmutung. Das hat seinen Reiz, aber die Schönheit des Materials bleibt verborgen. Es fungiert in dem Fall als Träger der Form und kommt selbst kaum zur Geltung. Für diesen Zweck gibt es Alternativen, die billiger und viel leichter zu bearbeiten sind, wie etwa Ytong. Mir reicht das nicht. Der Ausdruck des Materials steht für mich gleichrangig neben der Form, der eigentlichen Skulptur. Um Holz zum Strahlen zu bringen, muss Licht hinein. Das ist ähnlich wie beim Schliff des Edelsteins. Auch Holz kann geschliffen werden, allerdings mit vertretbarem Aufwand nur auf ebenen Flächen, und die sind in der Plastik die Ausnahme. So bleibt, wie seit Jahrhunderten, nur das Bildhauereisen. Es unterscheidet sich vom gewöhnlichen Stechbeitel oder Stemmeisen durch die geformte Schneide. Diese entsteht, indem die Klinge einseitig in einem Winkel von ca. 30 Grad angeschliffen wird. Die schräge Fläche nennt man Fase. Beim Schärfen wird die Fase in mehreren Schritten auf dem Stein geschliffen und schließlich spiegelblank poliert. Die so veredelte Schneide ist scharf wie ein Skalpell (Schnittwunden schließen sich nach wenigen Stunden). Nur von Hand geführt oder durch den Schlag des Klüpfels dringt sie in das Holz und kappt die Fasern. Die nachfolgende Fase wird durch das Prinzip der Schrägen Ebene in die Schnittfläche gedrückt und hinterlässt mit ihrer absoluten Glätte eine Oberflächengüte, die einem Feinschliff gleichkommt. Das Licht kann eindringen, wenige Mikrometer zwar, aber das reicht, um von den Pigmenten und der Maserung reflektiert zu werden. So kommt das Wilde und Schöne hervor.

Redakteur




21. August 2017, 15:22

Wahrheit kann durchaus das sein, was die Leute lesen wollen.

Wahrheit? Natürlich gibt es keine objektive, überpersönliche Wahrheit. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Eben auch ein Berichterstatter bei der Abfassung eines Berichtes. Nennen wir es daher besser Aufrichtigkeit oder Authentizität. Was habe ich wirklich gesehen und gehört? Was habe ich dabei gefühlt? Zu schreiben, was ich hätte fühlen sollen, wird meinen Text schwächen, und aufmerksame Leser werden es merken. Auszulassen, was von meiner Wahrnehmung diesem oder jenem vermeintlich nicht gefällt, wird mein Werkzeug auf die Dauer stumpf machen. Wenn man für Auftraggeber schreibt, muss man Rücksichten nehmen, denn Auftraggeber ihrerseits müssen (und wollen) Rücksichten nehmen. Eine freie Presse gibt es nicht und hat es nie gegeben. Nicht einmal dann, wenn man ausschließlich für sich schreibt, ist man frei. Wächter wie das eigene Gewissen, Moralvorstellungen oder Scham schauen einem auf die Finger. Man kann sich dem beugen, immerzu, doch die Wahrheit, so verstanden, wird einem nicht aus dem Kopf gehen. Der einzelne Leser, dem sie vorenthalten wurde, hätte sie womöglich nicht gemocht. Doch vielleicht hätte ihm gefallen, dass sie aufgeschrieben wurde.

Redakteur



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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